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Tief Luft holen

Und einatmen …

Die Stunden fließen dahin, mitunter allerdings eher mit der Konsistenz von Sirup. Dann gleichen sie wieder Öl und bergen eine nicht unerhebliche Rutschgefahr. Aus den Boxen klingt ein wechselhafter Beat und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich davon treiben lassen will oder die Musik mich pushen soll. Was habe ich denn alles schon getan, was es lohnen würde, zu wiederholen? Das sind ohnehin nur Vorwände, um das zu vergessen, was gleich nervös an meinem Rockzipfel zupfen wird. Natürlich macht es viel zu spät auf sich aufmerksam. Die Hektik gehört dazu, gerade wenn man eigentlich Zeit hat. Aber diese lässt sich so wunderbar vergeuden. Die Konzentration ist schon einmal vorgegangen und prüft die Räumlichkeiten. Hoffentlich langweilt sie sich nicht. Ich werde beizeiten nach ihr schauen, aber gerade ist mir das Wetter zu schlecht.

Und einatmen …

Atemübungen: Die Presse (vorher)

Die Früchte unserer Pressekonferenz sind online. Die WAZ fragt sich, kann jemand aus Liebe töten? Und auch die NRZ berichtet von der “Sauerstoff”-Premiere im Theater Oberhausen.

Faith, you’re driving me away
You do it everyday
You don’t mean it but it hurts like hell
My brain says I’m receiving pain
A lack of oxygen from my life support
My iron lung

We’re too young to fall asleep
Too cynical to speak
We are losing it, can’t you tell?
We scratch our eternal itch
A twentieth century bitch
And we are grateful for our iron lung

—Radiohead, »My Iron Lung«

Atemübungen: Das Team

Nach einer sehr zufriedenstellenden Hauptprobe gestern Abend legen wir heute eine kleine Pause ein: Es wird gestreikt im öffentlichen Dienst und auch das Theater bleibt geschlossen. Aber ich bin ein Freund des Arbeitskampfes, auch wenn uns zwei Trainingseinheiten verloren gehen. Heißt nicht das alte Sprichwort: “Wer probt, ist feige”?

Wir werden die Zeit für ein Produktionsbrunch nutzen. Bevor ich mich nun daran mache, meine Wohnung auf Vordermann zu bringen, gehe ich noch einmal durch, wen ich gleich alles erwarte – und stelle die Beteiligten gleich einmal vor.

Angela Falkenhan lernte ihr Handwerk an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich, ebenso wie Caspar Kaeser. Beide sind Preisträger des Oberhausener Theaterpreises – ich ebenfalls, man kann uns also durchaus als Preisträger-Produktion bezeichnen. Angela und Caspar werden in den Rollen Sie und Er zu sehen sein. Caspar und ich sind Wiederholungstäter, bereits in den Produktionen Messer in Hennen sowie Nothing is static, everything is falling apart haben wir erfolgreich zusammengearbeitet.

Zu den beiden gestellt sich Gabriela Ryffel. Über ihre Rolle, die im ursprünglichen Stück nicht existiert, möchte ich an dieser Stelle noch nicht zuviel verraten. Gabriela hat jüngst ihren Abschluss im Studiengang Musical an der Folkwang Hochschule in Essen gemacht und ist zur Zeit auch im Theater Hagen als Hexe in Into the woods sowie in Westside Story zu sehen. Bei den Proben zu Into the woods haben wir uns auch kennengelernt.

Der vierte auf der Bühne ist Alessandro Marra, ein junger Musiker aus Oberhausen, der mit dem Spiel seiner Gitarre für die richtige Atmosphäre sorgt. An dieser Stelle kann ich gar nicht genug Patricia, Katrin und der Brause danken, ohne denen der Kontakt zu Alessandro wahrscheinlich nie zustande gekommen wäre.

Den Raum hat wie stets Stefanie Dellmann gestaltet. Wie stets war es eine helle Freude, mit ihr zusammenzuarbeiten – und dieses Mal hat sie mit sehr wenigen Mitteln etwas wirklich Besonderes in den Raum gestellt. Vortrefflich eingekleidet wurden die Schauspieler dieses Mal von Anna Igniativa, die als Kostümbildnerin ihr Debüt am Theater Oberhausen gibt und dort seit dieser Spielzeit als Ausstattungsassistentin zuständig ist. Anna hat nicht nur einen treffenden Geschmack für die richtige Gewandung – da sie selbst Russin ist und auch das russische Original von Sauerstoff kennt, konnte sie uns wertvolle Hintergrundinformationen über den kulturellen Hintergrund aus der Entstehungszeit des Stückes geben.

Auch wenn er gleicht nicht beim Brunchen dabei ist, will ich unseren Dramaturgen Tilman Raabke nicht unerwähnt lassen, mit dem man stets angeregt über das Stück diskutieren konnte.

Der letzte im Bunde ist Pascal Nöldner, seines Zeichens Hospitant, Inspizient, Souffleur, Kaffeefee und treue Seele.

Weitere Danksagungen, umfassend und niemanden außer Acht lassend, gibt es nach der Premiere. Jetzt überlasse ich Baudelaire ein weiteres Mal das Wort:

Was macht nur Gott mit diesem Meer der Flüche,
Das Tag für Tag zu seinem Throne schwillt?
Wie ein Tyrann, von Fleisch und Wein gestillt,
Schläft er bei dem Geheul der Lästersprüche.

Der Opfer Schrei’n auf grauser Marterstatt
Scheint er wie holden Symphonien zu lauschen,
Denn trotz der Ströme Bluts, die um ihn rauschen,
Wird seine Wollust nicht der Greuel satt.

Denkst, Jesus, du an jenes Ölbergs Schatten,
Wo kindlich du dein Flehn ihm dargebracht,
Der hoch im Himmel deiner Qual gelacht,
Als sie den zarten Leib durchbohrt dir hatten?

Befleckt, bespien deine Göttlichkeit,
Als dir das Gassenvolk mit frechem Hohne

Aufs Haupt gespießt die spitze Dornenkrone,
Aufs Haupt, das einer Menschenheit du geweiht;

Da, als du hingst von schwerer Qual zerbrochen,
Am Kreuze hoch, die Arme ausgereckt,
Das bleiche Antlitz schweiß- und blutbedeckt
Durchbohrt wie eine Scheibe und zerstochen,

Gedachtest du da milder Tage Schein,
Da du auf laubgeschmückten, sonnigen Wegen,
Auf sanftem Maultier zogst der Stadt entgegen,
Ein heiliges Gelübde zu erneu’n?

Da aus dem Tempel du im Zornesglanze
Die Händler jagtest, niedrig’ Volk der Gier,
Und da du König wardst? – Hat nicht Reue dir
Das Herz durchbohrt noch vor der scharfen Lanze?

– Wahrlich, ich meide gerne dies Geschlecht,
Dem Traum und Tat nie eins zu sein begehrte,
Kämpf’ ich, so fall’ ich auch mit meinem Schwerte!

Petrus verleugnete den Herrn mit Recht.

—Baudelaire, »Die Verleugnung des heiligen Petrus«

Atemübungen: Die Musik

Musik spielt bei Sauerstoff eine elementare Rolle. Musik selbst kann Sauerstoff sein, dich erfüllen und antreiben. Das Original von Wyrypajew regt deswegen auch an, einen DJ auf der Bühne zu haben. Dagegen hatten wir uns in der Konzeption schon sehr früh entschieden. Zu Beginn habe ich selbst viel Musik aus meiner Sammlung zusammengestellt. Doch wie es sich ergab, brauchen wir davon kaum etwas, denn anstelle eines DJs spielt nun ein Gitarrist auf unsere Bühne: Alessandro Marra unterstützt das Spiel live mit den Klängen seiner Gitarre. Natürlich mit einer Akustikgitarre, passend zu der reduzierten Form, die die Inszenierung ausmacht.

Dennoch – und auch, weil es phantastische Lieder sind – möchte ich bei dieser Atemübung den geneigten Leser wissen lassen, welche Songs ich mit Sauerstoff assoziiert habe. Jeder mag da seinen eigenen Soundtrack haben, dieses ist meiner. Und einzelne Songs davon werden am Samstag auch zu hören sein.

  • Brand New, Bought A Bride (Daisy Session)
  • Brand New, Coca Cola (Acoustic)
  • Dirty Pretty Things, Gin And Milk
  • Element Of Crime, Draußen Hinterm Fenster
  • Jesse Lacey & Kevin Devine, Luca
  • Massive Attack, Dissolved Girl
  • Massive Attack, Sly
  • Muse, Showbiz
  • Nirvana, Polly
  • Portishead, Hunter
  • Radiohead, Idioteque
  • Radiohead, My Iron Lung
  • Radiohead, Exit Music (For A Film)
  • The Smashing Pumpkins, Eye
  • System Of A Down, Roulette
  • 2raumwohnung, Wir erinnern uns nicht

An dieser Stelle passend auch ein ganz großes Dankeschön an Otto Beatus, Oberhausens musikalischen Leiter, für seine wichtige Unterstützung, sowie an Oliver Siegel, der selbstlos eingesprungen ist!

Atemübungen: Das Stück

Heute steht die Pressekonferenz zu Sauerstoff an, deswegen gibt es aus diesem Anlass nun einen Auszug aus einem Entwurf für ein Programmheft (mit tendenzieller Verwendung auf dem Programmzettel):

In seinem zweiten dramatischen Text zeichnet der 1974 in Irkutsk geborene russische Regisseur, Schauspieler, Dramatiker und Drehbuchautor Iwan Wyrypajew das Bild einer Generation auf der Suche nach der seiner Identität. Geprägt durch die eigenen Erfahrungen in einer Gesellschaft im Umbruch, hinterfragt er die Verheißungen einer religiösen Lehre. Die Bergpredigt des Jesus von Nazaret liefert die Stichworte für die Suche zweier junger Menschen nach gültigen Werten und moralischem Halt. Letztlich suchen sie vor allem aber einander und sich selbst. Im Zentrum steht die simple Erkenntnis, dass jeder Mensch zum Überleben Sauerstoff braucht – und die Frage, was für einen selbst diesen Sauerstoff ausmacht.

Atemübungen: Das Licht

Einmal noch schlafen, dann wandert unser Stück von der Probebühne in den Malersaal. Die Endproben stehen an! Also jener Moment, in dem man sich der Erfahrung stellen muss, was ein Raum für eine Inszenierung bedeutet. Und dass es eben etwas anderes ist, ob es der intime Raum einer Probebühne ist oder jener Ort, an dem in ein paar Tagen die Zuschauer das Spiel verfolgen werden. Gerade bei dieser Inszenierung bin ich sehr auf die Erfahrungen gespannt, die wir morgen bei unserer ersten Probe im Malersaal machen werden. Gespannt, aber zuversichtlich.

Endproben bedeuten auch, dass das Licht dazukommt. Beleuchtungsproben, für mich immer eine helle Freude! (Dieses Wortspiel drängte sich einfach auf und bettelte dermaßen, dass ich es nicht abweisen konnte.) Zum Thema Licht hat der von mir hochverehrte Herr McKean auch etwas zu sagen. Und dies ist unsere zweite Atemübung:

Light Bulb by Dave McKean

Atemübungen: Die Blinden

Assoziationen zu Sauerstoff:

Betrachte sie, mein Herz; furchtbar zu sehn,
Wenn sie, fast lächerlich, wie Puppen schreiten
Und gleich Nachtwandlern seltsam vorwärts gleiten,
Lichtlose Kugeln, ach wonach nur? drehn.

Die Augen, drin erlosch der Götterfunken,
Sind starr zum fernen Himmel hingelenkt,
Nie siehst du erdwärts ihren Blick gesenkt,
Nie auf die Brust ihr träumend Haupt gesunken.

So ziehn sie durch ein weites, schwarzes Land,
Das ewigem Schweigen brüderlich verwandt.
O Stadt, indes du unter Lachen, Toben

Voll Gier nach Lust und Taumel bist entbrannt,
Schleich‘ ich wie jene, ärmer an Verstand,
Und frag‘: Was suchen sie am Himmel droben?

—Baudelaire, »Die Blinden«

Detroit 1/10 by Detroit Linger

Klauen in Purpur

Die DrachenchronikDie Unwägbarkeiten des Lebens lenkten heute meine kreativen Energien von den Proberäumen des Theater Oberhausens direkt nach Aventurien. So konnte ich heute mein Alveraniars-Szenario Purpurklaue (auf dem RatCon 2009 zum Besten gegeben) finalisieren. Die Texte sind nun für Satz und Layout an Ulisses gegangen.

Das Orkengold wird ausgeschüttet

Orkengold CoverHeute hat Ulisses offiziell das Cover zum Kampagnenband Orkengold ins Netz gestellt. Und ich muss sagen, es ist echt schmuck geworden, was John Hodgson uns dort gezaubert hat. Ich kenne einen frühen Entwurf, aber reingezeichnet und coloriert macht es natürlich mehr her.

Und: Es gibt mit dem 18. März 2010 auch ein angestrebtes Veröffentlichungsdatum. Statt der üblichen 20,– € wird Orkengold jedoch 25,– € kosten. Das ist weder Willkür noch Ausbeutung: In diesem Kampagnenband ist schlichtweg mehr drin als im üblichen Hardcover: Eine ausführliche Einleitung, ein kurzes Präludium, fünf Abenteuer und umfassende Anhänge laden zum Abenteuer im Svellttal und Orkland ein.

Hier die harten Fakten:

  • Redaktion: Michael Masberg, Daniel Simon Richter
  • Autoren: Muna Bering, Fabian Flüss, Daniel Heßler, Uli Lindner, Michael Masberg, Elias Moussa, Daniel Simon Richter, Sebastian Thurau und Stefan Unteregger
  • Komplexität (Meister / Spieler): hoch / mittel
  • Erfahrung (Helden): erfahren
  • Anforderungen (Helden): Interaktion, Talenteinsatz, Kampf, Zauberei, Hintergrundwissen
  • Ort und Zeit: Svellttal und Orkland, Peraine bis Rahja 1032 BF

Heute: Den Bau proben

In einer Woche ist Probenbeginn zu »Sauerstoff«. Ich könnte ja schon morgen anfangen, übe mich aber in Geduld und akzeptiere, dass zwei meiner Schauspieler sich noch in Endproben zu »Romeo & Julia« befinden (Premiere am Freitag).

Heute – knapper vor Probenbeginn als üblich, aber die Produktion an sich ist letztlich nicht üblich – steht die Bauprobe an. Da ich immer wieder feststelle, dass Menschen außerhalb des Mikrokosmos Theater nicht wissen, was das alles für putzige Begriffe sind, mit denen wir wie selbstverständlich um uns schmeißen, eine kleine Erklärung dazu:

Eine Bauprobe ist gewissermaßen eine Probe für das Bühnenbild. Regisseur und Bühnenbildnerin haben mitunter in ihren kleinen Kämmerchen wie waghalsigsten Ideen und es schadet da nicht, wenn man einmal mit kundigem Fachpersonal darüber spricht. Dafür findet sich das künstlerische Team mit den technischen Abteilungen (Bühne, Ton, Licht, Werkstätten, Requisite, etc.) am späteren Tatort des Geschehens zusammen und berät über die mögliche Umsetzung der wirren Phantasien. Was will man? Macht es Sinn, wenn man es im tatsächlichen Raum stehen sieht? Was ist möglich? Was nicht? Und wie lässt es sich möglich machen?

Dem allen stellen wir uns heute. Nun haben wir den Vorteil, die Räumlichkeiten gut zu kennen. Ich bin dennoch sehr gespannt, wie das, was wir an die Innenwände unserer Köpfe malten, aussieht, wenn es sich schließlich auch unseren eigentlichen Augen zeigt.