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Archive für Februar 2008

Impressionen der Apokalypse

Ja, eigentlich sollte ich, wenn ich nicht Proben betreue oder mich auf Messer in Hennen vorbereite, fleißig in die Tasten hauen, denn es gibt da den einen oder anderen Abgabetermin für Das Schwarze Auge, der unerbittlich, wenn auch noch nicht bedrohlich näherrückt.

Doch dann fällt einem ein besonderes Buch in die Hand und alles andere ist vergessen, vor allem, wenn man wie ich kein ablenkendes Fernsehprogramm empfängt. Dieses besondere Buch ist in diesem Fall Denis Johnsons Reportagensammlung In der Hölle - Blicke in den Abgrund der Welt, ein Premierengeschenk von Stefan Maurer, dem Regisseur vom jüngst in Oberhausen premierten Einer flog über das Kuckucksnest.

Darin versammelt sind drei Reportagen aus den frühen Neunzigern, die der Autor für den New Yorker über afrikanische Kriegsschauplätze verfasst hat. Nüchterne Berichte können dies nicht sein, doch das Buch ist mehr als eine Momentaufnahme, es ist ein modernes Im Herz der Finsternis, ein verstörender Blick auf das Scheitern der Menschlichkeit.

Ein Gefühl wehte durch die Stadt wie ein messbarer Wind, ein giftiges Gefühl der Angst, ich spürte, wie es sich ausbreitete, erst hier war, dann dort, immer näher kam und schließlich alles erfasste. Die Menschen drängten sich jetzt in Panik auf der Straße zusammen, halb nackte Menschen aus dem Busch, die nichts weiter bei sich hatten, erschöpft, erledigt, aber immer noch da, getrieben von diesem Etwas, das von ihnen Besitz ergriffen hatte.

Es wird deutlich, dass der ehemalige Junkie Johnson für diese Reisen nicht gefestigt gewesen ist - wie er auch selbst bemerkt. Doch angesichts dessen, was er von seinen Erlebnissen schildert - die entfesselte Grausamkeit, die absurden Reste fremder Zivilisationsvorstellungen, die eigene Zeit des vergessenen Kontinents -, bin ich mir sicher, dass ich selbst nicht die nötige seelische Festigkeit für mich in Anspruch nehmen möchte.

Als eine letzte Gefälligkeit hatten sie ihn mit ihren Verhören ganz und gar durchlässig gemacht, so dass das Leiden nur so aus ihm herausströmte und uns insbesondere aus seinen Augen entgegenquoll.

Das Buch hat eine unglaubliche Sogwirkung, es ist literarisch und unliterarisch zugleich, ein unaffektiertes Werk, das einen über das Schließen des Buchdeckels hinaus nicht loslässt. Es zeigt uns, wie wenig wir heute noch - über anderthalb Jahrzehnte nach dem Verfassen der Berichte - über den Kontinent Afrika wissen, wie hilflos wir sein müssen mit unseren Vorstellungen und wie zerbrechlich das Gut ist, das wir als Zivilisation bezeichnen.

Ich werde das Erlebnis dieses Buches jetzt sacken lassen, empfehle es jedoch uneingeschränkt weiter.

Ein Beitrag zum Thema: Den König spielen die anderen

Ein König ohne Volk ist ein bemitleidenswerter Narr. Aber ein Volk kann einen Narren zu einem gefährlichen König machen.

Kuckucksnest aus der Vogelperspektive

Das Wochenende neigt sich dem Ende zu und mit dem morgigen Montag beginnt die letzte Phase einer jeden Theaterproduktion: Die Hauptprobenwochen, die letzten Tage vor der Premiere.

Am kommenden Freitag, den 22. Februar, wird am Theater Oberhausen “Einer flog über das Kuckucksnest” nach dem berühmten Roman von Ken Kesey Premiere haben. In der Inszenierung von Stefan Maurer wird die Geschichte des vermeintlich taubstummen ‘Häuptlings’ Bromden und anderer Patienten einer psychiatrischen Anstalt erzählt, deren geordnetes und durch die Autorität der Oberschwester Ratched bestimmtes Leben durch einen Neuzugang aus den Fugen gerät: Randle P. McMurphy ist ein Chaot, der sich allen Regeln widersetzt.

Für den richtigen Soundtrack sorgt FM Einheit, bis Mitte der 90er Jahre Mitglied der experimentellen Band Einstürzende Neubauten und danach als Klangforscher, Produzent und Theatermusiker tätig.

Im Gegensatz zu dem weltberühmten Film, der Jack Nicholson endgültig zum Star machte, wird die Inszenierung weniger eine ‘McMurphy-One-Man-Show’ sein, sondern sich näher an der Romanvorlage orientieren, die die Figur des Häuptlings in das Zentrum stellt. Tatsächlich schafft es die Inszenierung, ein Ensemblestück zu sein, in dem alle Figuren etwas zu erzählen haben und nicht zu besseren Stichwortgebern zu verkommen.

Da die im Roman beschriebene Krise des Indianers für uns Europäer recht fern sein kann und der Geist der 68er, der das Buch durchweht, lange verblasst ist, wurde die Inszenierung durch einen kleinen Kunstgriff in die Aktualität geholt: Unser ‘Häuptling’ (gespielt von dem iranisch-stämmigen Mohammed-Ali Behboudi) ist kein Indianer, sondern ein Flüchtling, der an den hierzulande herrschenden Bedingungen zerbrochen ist. Auch zwei anderen Figuren wurde ein Migrationshintergrund hinzugeschrieben: Die schrecklichen Erlebnisse, die sie dazu brachten, ihr Land zu verlassen, gepaart mit der Angst vor der Abschiebung führten zu ihrer Einweisung in die psychiatrische Anstalt.
Als Vorlage zur Entwicklung dieser Biographien dienten tatsächliche Erlebnisberichte von Einwanderern in Deutschland.

Um über das hochbrisante Thema auch über die Inszenierung hinaus zu informieren, wurde ein Film gedreht, den der Zuschauer sich im Vorfeld und während der Pause im Theater ansehen kann. Die Dokumentation zeigt Interviews mit Migranten, die in Oberhausen leben und über ihre Schicksale berichten.

Für die Premiere im Großen Haus am Freitag, den 22. Februar um 19.30 Uhr, sind noch Karten zu haben (unter 0208.8578-184 oder auf der Internetseite des Theaters). Weitere Vorstellungen stehen für die folgenden Termine bereits fest: 23. und 29. Februar, 1. und 14. März sowie 6. und 20. April. Weitere Vorstellungen sind geplant.

Trivia: Der Titel des Buches ist der Zeile eines englischen Abzählreimes entlehnt, aber auch eine Anspielung auf den Ort der Handlung.

Das Messer, die Henne

Wer ist das Messer? Wer die Henne? Und wer ist “in”?

Dies mag einige Leser in den letzten Tagen beschäftigt haben, hier ist die Antwort auf alle Fragen: Seit gestern ist die Besetzung für meine kommende Inszenierung Messer in Hennen offiziell ausgehangen worden.

Auf der Bühne sind Claudia Fritzsche (junge Frau), Jan Kämmerer (Pony-William, ihr Mann) und Caspar Kaeser (Gilbert Horn, der Müller) zu sehen, die Bühne selbst wird von Stefanie Dellmann gestaltet, angezogen werden die Mimen von Claudia Radowski. Dramaturgische Rückendeckung gibt es von Julia Dina Heße.

Claudia und Caspar haben unter meiner Führung jüngst den Chuck Palahniuk-Abend Nothing is static, everything is falling apart bestritten, mit Jan habe ich die szenischen Lesungen von Iwan Wyrypajews Sauerstoff und Sämtliche verlorenen geglaubten Werke von Samuel Beckett erarbeitet.

Steffi ist meine erklärte Lieblingsbühnenbildnerin, die ich nicht wieder hergebe. (Warum? Wer diesen Blog im Auge behält, wird demnächst ein paar Gedanken über die Wichtigkeit einer guten Bühnenbildnerin für einen Regisseur finden …) Wir haben nicht nur bei Nothing … und Sauerstoff zusammengearbeitet, sondern auch beim prämierten Das Herz eines Boxers. Daneben hat sie schon weitere Bühnenbilder, nicht nur in Oberhausen gestaltet. Mehr dazu gibt es auf ihrer Seite. Claudia ist erst seit dieser Spielzeit am Theater Oberhausen als Ausstattungsassistentin beschäftigt und gibt mit Messer in Hennen hier ihr Debüt.

Ein Abend der Jugend

Die eigene Wohnung aufräumen kann eine sehr leidige Aufgabe sein, manches Mal macht man dabei jedoch auch interessante Entdeckungen - gerade, wenn man sich Ecken widmet, die sonst wenig Aufmerksamkeit bekommen.

So habe ich gestern in der hintersten Ecke meines Regals eine Mappe mit alten Texten von mir entdeckt, zum Teil Entwürfe, aber auch ausformuliertes. Ein paar der Werke haben sicherlich ihre sieben Jahre auf dem Buckel. Und da ich nun über dieses wunderbare Medium Blog verfüge, möchte ich mich trauen, den einen oder anderen wiedergefundenen Text hier zu veröffentichen.

Den Anfang macht Ein Abend der Jugend. Eine handschriftliche Notiz macht mich darauf aufmerksam, dass der ursprüngliche Titel “Auf der Flucht” lautete. Undeutliche Erinnerungen datieren die Verfassung des Textes auf das Jahr 2001, in die Zeit nach dem Abitur.

Vorangekündigte Euphorie im Schatten der Erwartungen.
–Unbändig und vorfreudig.
Tropfenweises Zusammenkommen zur kollektiven Selbstaufgabe.
–Gemeinsam und einsam.
Flutgleiche Aufnahme der glorifizierten Hoffnung.
–Verheißungsvoll und schwerwiegend.
Gewichtige Klärungen allmächtiger Entscheidungen.
–In Ehre gehalten und verblendet.
Gefeierter Schluss ewiger Bündnisse.
–Verbindend und überfordert.
Haltloser Sturz in tosende Wogen.
–Begeistert und unersättlich.
Losgelöster Tanz auf goldschimmernden Wellen.
–Rhythmisch und nach eigenem Takt.
Sinnentleerter Taumel der wankenden Bodenlosigkeit.
Am Ende wird gekotzt.
Dann: schwarz.

(Ein Abend der Jugend, (c) 2001, 2008 Michael Masberg)

Das möchte ich jetzt einfach so stehen lassen.

Wortfindung als Tierquälerei

“Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.”
–Ludwig Wittgenstein

Es gibt Neuigkeiten zu vermelden - für den Spielplan des Theater Oberhausens und für das künstlerische Schaffen des Herrn Masberg: Als zusätzliche Produktion für die Spielzeit 2007/08 wird David Harrowers Messer in Hennen in den Spielplan aufgenommen. Regie werde, nun, ich führen, der Rest der Besetzung wird diese Tage ebenfalls bekannt gegeben.

Die Premiere wird voraussichtlich am 9. Mai 2008 stattfinden. Über das Ende der Spielzeit und der scheidenden Intendanz von Johannes Lepper hinaus soll die Inszenierung im Ringlokschuppen Mülheim weiter aufgeführt werden.

In dem Stück geht es um eine junge Frau, die in einer bäuerlich-abergläubischen Welt lebt und mit dem bedeutend älteren Pflüger Pony-William verheiratet ist. Das Dorf nimmt die Welt an, wie es sie vorfindet, doch die junge Frau beginnt, das, was sie sieht, zu hinterfragen und sucht nach neuen Namen und Worten, um das zu benennen, was sie entdeckt. Die Bekanntschaft mit Gilbert Horn, dem Müller des Dorfes - ein Sonderling und vermutlicher Mörder -, wird ihr Leben verändern …

Ab dem Probenbeginn im März und bis hin zur Premiere will auf dieser Blog verstärkt Einblicke in die Entwicklung der Inszenierung geben und vertiefendes Material zu dem Stück dem geneigten Leser zugänglich machen.

Ein Abend mit Chuck Palahniuk

Seit Januar heißt die Rauchbar, die kuschelige Kleinkunstspielstätte und Ort ausschweifender Premierenfeiern im Theater Oberhausen, nun Rauschbar. Davon mag man halten, was man will, unterhaltende Abende finden dort immer noch statt.

So auch am kommenden Donnerstag, den 7. Februar 2008. Nach dem überzeugenden ErfolgAnfang Dezember wiederholen wir Nothing is static, everything is falling apart, einen nihilistischen Abend mit Texten von Chuck Palahniuk.

“Viel Applaus für den anspruchsvollen Abend Popkultur.”
--Mark Hippler, NRZ, 8. Dezember 2007

Sein radikaler Debütroman Fight Club – mit Edward Norton, Brad Pitt und Helena Bonham Carter in den Hauptrollen von Regisseur David Fincher visionär verfilmt – begeisterte und schockierte gleichermaßen. Seitdem ist Chuck Palahniuk fester Bestandteil der amerikanischen Literatur und einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren. Sein Werk ist düster, faszinierend, surreal, witzig, zynisch. Seine soziale Analyse ist genau beobachtet und ein Spiegel unserer Welt: eine kranke Gesellschaft auf der Suche nach Erlösung. Und sollten wir sie finden: Haben wir sie verdient?

Nothing is static, everything is falling apart ist ein Theaterabend, der den Zuschauer in die Welt von Chuck Palahniuk entführt – und ihn seine eigene mit neuen Augen sehen lassen wird. Ein Zusammenschnitt von Texten aus den Büchern Der Simulant (‘Choke’), Invisible Monsters, Lullaby und natürlich Fight Club.

Es spielen: Claudia Fritzsche_Saskia Leder_Caspar Kaeser_Michael Witte
Leitung: Michael Masberg
Ausstattung: Stefanie Dellmann_Wibke Winterwerber

Die Veranstaltung startet um 19.30 Uhr, als Eintritt werden erschwingliche 5,00 € verlangt. Weitere Informationen findet ihr auf den Seiten des Theater Oberhausens.

Der erste Schritt ist getan …

Herzlich willkommen!

Mit diesem Blog startet die eigene Internetpräsenz des Herrn Masberg - mehr wird folgen, doch für den Anfang muss das reichen. Und da schon die Arbeit ungeduldig am Rockzipfel zupft, wird mehr auch erst später folgen.

Dennoch - viel Spaß mit diesen Seiten, jetzt und in Zukunft!

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