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Archive für Mai 2008

Körperschmuck in Hässlich

Als tätowierter Mensch bin ich natürlich gestochenem Körperschmuck gegenüber aufgeschlossen - seien es Tattoos oder Piercings. Als Ästhet habe ich natürlich auch meine Meinung über hässlichen Körperschmuck. Grausige Motive oder schlecht gestochene Tätowierungen sind ein sehr interessantes Thema. Meistens passen sie aber auch zu den Leuten, die sie sich haben stechen lassen. Schlechter Geschmack kann schon ein Gesamtkunstwerk ergeben.

Was mir in letzter Zeit ins Auge springt, sind schlechte Piercings - gerade eben erst ist mir etwas begegnet, was ich so nicht kannte, aber gleich ziemlich grausig fand. Aus gegebenen Anlass - und ohne Rangreihenfolge - sind hier die drei schlechtesten Piercings, die mir in jüngster Zeit begegnet sind. Es gibt sicher noch schlechtere oder fragwürdigere, aber es ist ein Segen, dass manche Dinge einfach unter der Kleidung verborgen bleiben …

  • Beim Sport sah ich eine junge Frau, die ein Piercing auf der Oberseite des Unterarmes hat, knapp über dem Handgelenk - also dort, wo man auch eine Uhr tragen könnte. Ästhetischer Sinn ist nicht ersichtlich.
  • Eine andere junge Frau hat sich je einen Stab durch die Haut über den Wangenkochen stechen lassen. Das wird Spuren hinterlassen. Es ist zu hoffen, dass sie sich die Stäbe nicht rausreißt wie meine Bekannte, der das mit ihrem Piercing zwischen den Brüsten passiert ist.
  • Kommen wir zu meiner heutigen Sichtung: Ringe durch die Unterlippe sind altbekannt, auch leicht versetzte. Auch eine Kette von dort zum Ohrring sind nichts neues. Aber die mehreren kurzen GlitzerKetten, die wie Lametta von dem Ring herunterhingen, waren kein Gewinn für das Mädchen …

Ich bin ja ein sehr toleranter Mensch, aber für manche Fehltritte sollten Strafen erhoben werden.

Ein Herz für den Boxer

Eigentlich sollte am 11. Juni die letzte Runde für Das Herz eines Boxers angeschlagen werden - der Intendantenwechsel bedeutet leider auch, dass alle laufenden Produktionen vor der Sommerpause abgespielt werden. Nach 26 Runden wäre Schluss gewesen - doch die Nachfrage erwies sich als größer und so bekommen Leo und Jojo eine Extrarunde im Tapetenring: Am 12. Juni finden um 11 Uhr eine zusätzliche (und letzte) Vorstellung im Malersaal des Theater Oberhausens statt. Zwar ist die Vorstellung von einer Schülergruppe gekauft, es finden sich aber mit Sicherheit noch einzelne Plätze für alle Interessierten, die am Donnerstag vormittags noch nichts vor haben.

Digitale Wegelagerei

Früher lauerten dem einsamen Wanderer fiese Halunken auf und raubten ihn aus. Pfiffige Halunken errichteten mitten auf dem Weg einen Schlagbaum und forderten einen Zoll zum Passieren, dessen Höhe dem Wanderer Tränen in die Augen trieb. Aber da die Schergen hinter dem Schlagbaum meist die größeren Knüppel und damit auch stärkeren Argumente hatten, zahlte der auf diese Art ausgenommene Wanderer.

Im Zuge meines Umzug ist mir eine moderne Form der Wegelagerei begegnet - oder ich möchte lieber sagen: eine digitale. Die meistbegangenen Wege der Gegenwart sind die des Internets und natürlich haben auch hier die fiesen Halunken ihre Schlagbäume aufgestellt. Schluckte ich schon, für den Umzugsservice meines Internetanbieter 49 € zu bezahlen (wobei angemerkt sei: Der Service beinhaltet nich, dass ein hilfreicher Mensch meine Internetanlage abbaut, in die neue Wohnung transportiert und dort wieder anschließt), setzte die Telekom noch einen oben drauf (schließlich haben sie auch die längere Erfahrung in Schurkereien): Das Ummelden meines stinknormalen Anschlusses verlangt eine einmalige Zahlung von 59,90 €. Wofür, frage ich mich. Damit in einer Frist von einer Woche irgendwo ein Arbeiter eine kurze Eingabe in den Computer macht? Es fällt mir schwer, mir darunter einen riesigen Arbeitsaufwand vorzustellen …

Weniger angesichts von dicken Knüppeln, eher, weil gerade kein anderer Weg an dem Schlagbaum vorbeiführt, zahle ich doch. Ein weiteres Opfer der digitalen Wegelagerei.

Kultur gegen Politik

Und weil ich hier gerade mal einen Internetzugang habe, gibt es für alle treuen Blogleser heute richtig was zu Schmöckern. Zum Abschluss ein Beitrag aus dem Bereich der Lokalpolitik. Bereits vor einigen Tagen berichtete ich über die Pläne der Oberhausener Sparpolitik und den veröffentlichten Fragebogen. Die Oberhausener Kulturellen ließen nicht lange mit einer Antwort warten und schrieben einen offenen Brief an den Partei- und Fraktionsvorsitzenden der SPD Oberhausen, Große-Brömer:

Sehr geehrter Herr Große-Brömer,

um die Einsetzung eines Sparkommissars durch die Bezirksregierung zu verhindern, hat sich die Stadtverwaltung jährliche Einsparungen von bis zu 45 Millionen Euro zum erklärten Ziel gesetzt. Zu diesem Zweck wurde in Zusammenarbeit mit Wirtschaftsprüfern von der Stadt und allen Bereichen eine Liste von 233 Sparvorschlägen zur Haushaltskonsolidierung erarbeitet. Über diese Sparvorschläge wird der Rat der Stadt am 23. Juni entscheiden.

Sie haben nun einen Fragebogen mit 16 Punkten aus dieser Liste von 233 Sparvorschlägen veröffentlicht und fordern die Oberhausener Bürgerinnen und Bürger auf, durch Ankreuzen zu signalisieren, welchen dieser Sparmaßnahmen sie zustimmen. Auf der Liste stehen unter anderem die Schließung des Theaters, des Tiergeheges, von Schulen und Stadtteilbibliotheken und die Abschaffung der Kurzfilmtage.

Indem Sie die Gesamtliste der Sparvorschläge derart verkürzen und ohne Hintergrundinformationen zur Abstimmung stellen, enthalten Sie den Oberhausener Bürgerinnen und Bürger wichtige Informationen vor, die für den politischen Entscheidungsprozess unabdingbar sind. Stattdessen pflegen Sie in unverantwortlicher Weise einen gefährlichen Populismus bei der öffentlichen Diskussion politischer Entscheidungen und nehmen zumindest billigend in Kauf, dass kulturelle Einrichtungen dieser Stadt durch ein auch empirisch gesehen überaus fragwürdiges Plebiszit nachhaltig öffentlich beschädigt werden. Es ist aus unserer Sicht unzulässig, bestimmte Maßnahmen aus dem Kontext der Gesamtüberlegungen zu reißen und den Bürgerinnen und Bürger mögliche Konsequenzen nicht gleichzeitig zu vermitteln.

Noch im Verlauf des Monats Mai finden drei öffentliche Veranstaltungen zur Bürgerbeteiligung statt, auf denen sich die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt umfassend und sachlich über die Vielfalt der Sparvorschläge und über deren mögliche Konsequenzen informieren können. Seit vielen Monaten prüfen und diskutieren wir miteinander Konsolidierungsmaßnahmen - eine Diskussion, an der sich insbesondere auch die kulturellen Einrichtungen in Oberhausen immer konstruktiv beteiligt haben. Ihr vorgehen unterschlägt wichtige Teile dieses Diskussionsprozesses. Es legt zumindest den Schluss nahe, dass Ihnen nicht ander Aufklärung der Bürger gelegen ist, sondern an einer politischen Beeinflussung der geplanten Bürgerbeteiligung.

Wir bestehen daher auf eine ernsthafte Aufklärung der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und eine ebenso ernsthafte Prüfung aller Sparvorschläge eingedenk der möglichen Konsequenzen. Kultur und Bildung sind in unserer Gesellschaft unverzichtbare Güter und dürfen nicht auf ökonomische Größen reduziert werden. Wir protestieren entschieden gegen dieses fahrlässige Vorgehen.

Johannes Lepper (Intendant des Oberhausener Theaters)
Harald Sänger (Chefdramaturg)
Peter Carp (designierter Intendant)
Lars Henrik Gass (Leiter Internationale Kurzfilmtage)
Christine Vogt (Direktorin der Ludwig Galerie)

Die öffentliche Meinung III

Tatsächlich ist am 15. Mai noch eine Kritik zu Messer in Hennen nachgerutscht, dieses Mal von Klaus Stübler für die Ruhr Nachrichten:

Schwarz wie Erde, weiß wie Mehl

Vom Pflüger und seiner Frau samt einem “bösen” Müller erzählt der schottische Dramatiker David Harrower in “Messer in Hennen”. Sein viel beachtetes Debütstück von 1995 kommt so märchenhaft wie archaisch-ländlich daher. Beides unterstreichen Regisseur Michael Masberg und seine Bühnenbildnerin Stefanie Dellmann bei ihrer Neuproduktion im Malersall des Theater Oberhausens. Schwarz wie Erde ist die Welt des Pflügers auf der linken Bühnehälfte, weiß wie Mehl die des Müllers rechts. Dazwischen ein trennender Wassergraben.

Es geht um Neid, Hass, Angst und das Böse, um Glauben und Aberglauben, um die Suche nach Erkenntnis und um geistigen Fortschritt. Dabei steht der Pflüger für das Festhalten an antiquierten Traditionen - und der Müller für Fortschritt und Intellekt. Die Frau aber bildet das Bindeglied zwischen beiden. Angetrieben wird sie von ihrer Suche nach rechten Worten und Begriffen, durch welche sie hofft, Gottes Schöpfung besser zu verstehen. “Alles, was ich tun muss, ist Namen hineinzustoßen in das, was das ist”, sagt sie, “so wie ich mein Messer in den Magen einer Henne stoße.”

Jan Kämmerer gibt den Pflüger entstirnig-geradlinig, grobschlächtig und bestimmt. Caspar Kaeser als Müller ist ein dünnes weißes Männlein mit Spitzengang und Krallenhänden. Die Rolle der Frau scheint Claudia Fritzsche auf den Leib geschrieben: Facettenreich lebt sie die Entwicklung der Figur vom treuen Weiblein bis zu Gattenmörderin. Das Timing stimmt, das Spiel ist intensiv und beklemmend: 90 Theaterminuten, die sich lohnen.

Im Zeichen der Schlange

Zwar liest man hier in letzter Zeit nicht viel von mir - mein Umzug ist fast vollständig vollzogen, sprich: die neue Wohnung nimmt immer mehr Gestalt an, aber der Internetanschluss ist noch nicht nachgezogen -, dafür kann man es aber in gedruckter Form machen.

Diese Woche ist der Aventurische Bote #129 erschienen, das begleitende Magazin für das Rollenspiel Das Schwarze Auge. Neben allerlei Artikeln und Spielhilfen enthält er das mehrseitige Abenteuerszenario In signe serpentem, das ich zusammen mit Uli Lindner für den Boten verfasst habe. Das Abenteuer geht auf die Bilstein 2007 zurück, dort wurde es von uns das erste Mal geleitet. Später haben wir es gründlich überarbeitet und in Reinform gebracht, so dass es nun in gedruckter Form dem geneigten Rollenspieler zugänglich ist.

In signe serpentem spielt in der Wildermark und kann als Prolog für den bald erscheinenden Kampagnenband Von eigenen Gnaden von Uli Lindner gespielt werden - ebenso gut aber auch innerhalb der Kampagne. Außerdem lernen die Helden in dem Abenteuer Meisterpersonen kennen, denen sie in einem Ende des Jahres erscheinenden Abenteuerband wiederbegegnen können. Welcher Abenteuerband das ist, verrate ich an dieser Stelle noch nicht, gewiss sei aber, dass ich dort ebenfalls meine Finger im Spiel habe.

Kurz: Worum geht es in In signe serpentem? Die Helden werden von dem Draconiter-Abt Perval Groterian beauftragt, der Spur einer brutalen und götterlästigen Räuberbande zu folgen, die neben anderen Schandtaten jüngst auch Pilger überfallen hat. Die Spur führt in das Herz der Wildermark, einen umkämpften Landstrich, in dem Willkür und Anarchie herrschen und selbsternannte Kriegsfürsten mit allen Mitteln um die Macht streiten.

Genug der Werbung, ich widme mich jetzt wieder meiner Wohnung …

Endlich: Ein Film, der alles aufdeckt!

Endlich kommt sie, die Dokumentation, auf die die Welt gewartet hat: Monster Camp, ein Film über das LARP.

LARP? Das meint “Live Action Role Playing” und geht noch einen Schritt weiter als das von mir so gerne betriebene Rollenspiel am Tisch - denn im Falle des LARPs wird sich in (mehr oder minder) aufwendige Kostüme geschmissen und die Abenteuer werden ‘live’ nachgespielt. Im Grunde ein Auswuchs des Rollenspiels, der mir im Kern eher suspekt ist, was aber daran liegen kann, dass ich schon genug mit kostümierten und geschminkten Leuten im wirklichen Leben zu tun habe.

Nun aber wird dieser Film kommen. Nach einem Blick auf den Trailer bin ich mir noch nicht ganz so sicher, was ich davon halten soll: Es sieht mir doch sehr nach einer recht eindeutigen Anhäufung von Klischees aus, die das Hobby”Rollenspiel” nun einmal umgeben …

Quelle:

Eine Stimme für das Theater(?)

Oberhausen ist hoch verschuldet. Das ist keine Neuigkeit. Auch nicht, dass die Stadt sparen muss - und das im zweistelligen Millionenbereich. Ein Gutachten zeigt 233 Einzelmaßnahmen auf, um45 Millionen Euro zu sparen. Über den Weg zum Sparen entscheidet der Rat am 23. Juni. Es wird niemanden überraschen, dass das Theater zu den Maßnahmen zählt, mit denen man sparen kann. Von Einsparungen beim Etat bis zur Schließung reicht das Spektrum der Ideen.

Um die Diskussion öffentlicher zu gestalten, finden im Vorfeld Bürgerversammlungen statt, dazu gesellen Info-Stände und natürlich das Internet. Die SPD hat zudem jetzt einen Fragebogen herausgebracht, der verteilt wird und der heutigen WAZ beilag. Für 16 Vorschläge kann man seine ‘Stimme’ abgeben. Unter Punkt e) taucht schließlich das Stadttheater auf. Die Wahlmöglichkeiten: Schließung (soll 3,5 Millionen bringen) oder Einschränkungen durch reduziertes Angebot (1,5 Millionen Euro). Die Konkurrenzvorschläge werden es dem Theater nicht einfach machen: zur Wahl stehen auch Schließungen von Schulen oder der Verzicht auf Ausbildungsplätze bei der Stadt. Selbst gegen eine Erhöhung der Hundesteuer um 30% wird das Theater wohl den Kürzeren ziehen. Wer einen genauen Blick auf den Fragebogen werfen will, kann das hier machen.

Man kann auch mit wenig Geld gutes Theater machen - ohne Frage. Weniger Geld kann auch zu einer Rückbesinnung auf die eigentlichen Stärken der Schauspielkunst führen. Allerdings braucht Theater ein Forum - und Oberhausen braucht ein Theater. Die Stadt hat mehr zu bieten, als es auf den ersten Blick scheint (das habe ich in den letzten drei Jahren herausgefunden), aber mit einem sinkenden Kulturangebot, bleiben der Stadt am Ende nur noch Auftritte von Michael Wendler in der KöPi-Arena. Da sollte es nicht enden.

Das Theater in Oberhausen braucht eine Stimme - mehr als eine. Nicht nur die Stimmen der Oberhausener, auch die jener, denen das Theater Oberhausen ans Herz gewachsen ist.

Außer den angekündigten Bürgerversammlungen und den Info-Ständen bietet die Politik leider noch kein mediales Forum, auf der Seite der großen Regionalzeitungen gibt es aber die Möglichkeit zur Diskussion.

Quellen:

Die öffentliche Meinung II

An dieser Stelle darf ich noch einmal nachlegen, dieses Mal kommt die WAZ durch Lena Kamps zu Wort:

Liebe siegt über die dörfische Spießigkeit

Zwei Welten, zwei Männer und eine Frau, die zwischen diesen schwankt. Auf der Grenze, in einer klaren Pfütze. Doch für sie ist es keine Pfütze, denn Pfützen sind in ihrer Vorstellung voll mit Brackwasser. Sie versucht die Worte zu differenzieren, findet keine passenden. Zu eng ist ihre Welt. Die Welt ihres gott- und abergläubigen Dorfes, die Welt ihres Ehemannes Pony- William (Jan Kämmerer). Ein Pflüger wie er im Buche steht: groß, kräftig, mit groben Händen, die sie packen, wenn sie etwas tut, was ihm nicht passt. Sie soll ihm zur Verfügung stehen, sein Feld sein, gesund und fruchtbar, allzeit bereit zum beackern und besamen.

Doch in ihr verbirgt sich fast noch ein Kind, das für andere unnütze Dinge wie einen Schatz sammelt. Claudia Fritzsche füllt diese Rolle perfekt aus: leidenschaftlich schmiegt sie sich an den Acker.

Als sie eines Tages das Korn zur Mühle bringen muss, begegnet sie dem Müller (Caspar Kaeser), eine weiße Gestalt, den böse Gerüchte und angeblicher Zauber umhüllen wie Mehlstaub. Bühnenbilderin Stefanie Dellmann hält seine Welt völlig weiß, fast klinisch. Er lebt mit Worten, der Phantasie und aufrichtigen Gefühlen. Caspar Kaeser lässt das Publikum und die junge Frau sich zuerst vor dem Müller ekeln. Er faucht und läuft mit fast spastisch anmutenden Bewegungen. Dann entdeckt man in ihm den klugen, verletzlichen Menschen.

Regisseur Michael Masberg versteht es diese Lücke zwischen Sprache und Realität auf den Punkt zu bringen. Am Ende siegen Sex, Crime and Love über Aberglaube, Gottesfurcht und dörfische Spießigkeit.

Die öffentliche Meinung

Während wir alle noch auf die morgige Zeitung warten, ist DerWesten bereits so nett und gibt uns einen Einblick in die NRZ von morgen zu geben - und in die erste Kritik zu Messer in Hennen:

Altbekanntes und Neues
Beeindruckende Premiere im Malersaal und erlebenswert: “Messer in Hennen” von David Harrower.

William stampft, Gilbert schleicht. Williams Umgebung ist weich und erdbraun, die von Gilbert kantig und weiß. William ist den fleischlichen Genüssen nicht abgeneigt, Gilbert liebt es, seinen Geist zu fordern. Die beiden Kunstfiguren, die David Harrower geschaffen hat, könnten kaum schärfer voneinander abgegrenzt sein. Ein Graben trennt ihre Welten. Was sie verbindet, ist eine Frau, die sich zu beiden hingezogen fühlt. . . Für die kleine, feine Inszenierung von “Messer in Hennen” gab’s bei der Premiere am Freitag für Regisseur Michael Masberg und das Ensemble viel Applaus.
Dass der Malersaal des Theaters nicht ausverkauft war, wird an den widrigen Umständen gelegen haben. Die Produktion ist ganz kurzfristig - für nur vier Aufführungen - auf den Spielplan genommen worden, und feierte Premiere vor einem langen Wochenende, an einem biergartentauglichen Abend, an dem auch noch RWO und “Kiss” in Oberhausen spielten: Das ist wirklich harte Konkurrenz. Nicht ganz so fatal wie die zwischen William und Gilbert allerdings.

Inniges Verhältnis

William ist der Pflüger des Dorfes. Das Gerücht, mit seinen Pferden verbinde ihn ein besonders inniges Verhältnis, hat ihm den Beinamen “Pony-William” eingebracht. Seine Frau will er jedenfalls nicht in den Stall lassen, und auch andere Einblicke möchte er ihr verwehren: “Bleib bei dem, was du weißt. Das ist das Beste.” Müller Gilbert, zu dem William die junge Frau mit seinem Korn schickt, sieht das ganz anders. Auch wenn er erstmal sehr seltsam und beängstigend wirkt, hilft er ihr, das zu benennen, was es sonst noch gibt. “Das bin ich”, erkennt sie nach einer Nacht mit ihm.

Rollen sind bestens besetzt

Mit funkelnden Augen spielt Claudia Fritzsche die junge Frau, gibt sie voller Lebenshunger und voller Wissensdurst: Mit ihrer Neugier überwindet sie den Graben zwischen dem sicheren, Altbekannten und dem unheimlichen Neuen. Diesen Gegensatz verkörpern Jan Kämmerer als tumber, grobschlächtiger William und Caspar Kaeser als feingeistiger Gilbert hervorragend.
Die vierte Rolle in Masbergs mit Musik und Projektionen akzentuierte Interpretation von Harrowers Kunst-Stück spielt Stefanie Dellmanns Bühne: Auf kleinem Raum schafft sie im Malersaal Platz für eine ganze Landschaft, in der die Nuancen, die es zwischen William und Gilbert als Enden des Spektrums gibt, herumfliegen können - flüchtig wie Mehlstaub oder schwer wie Wassertropfen.
Weitere Aufführungendes Stückes gibt es am 15., 21. Mai und 10. Juni.