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Archive für Januar 2010

Atemübungen: Die Blinden

Assoziationen zu Sauerstoff:

Betrachte sie, mein Herz; furchtbar zu sehn,
Wenn sie, fast lächerlich, wie Puppen schreiten
Und gleich Nachtwandlern seltsam vorwärts gleiten,
Lichtlose Kugeln, ach wonach nur? drehn.

Die Augen, drin erlosch der Götterfunken,
Sind starr zum fernen Himmel hingelenkt,
Nie siehst du erdwärts ihren Blick gesenkt,
Nie auf die Brust ihr träumend Haupt gesunken.

So ziehn sie durch ein weites, schwarzes Land,
Das ewigem Schweigen brüderlich verwandt.
O Stadt, indes du unter Lachen, Toben

Voll Gier nach Lust und Taumel bist entbrannt,
Schleich‘ ich wie jene, ärmer an Verstand,
Und frag‘: Was suchen sie am Himmel droben?

—Baudelaire, »Die Blinden«

Detroit 1/10 by Detroit Linger

Klauen in Purpur

Die DrachenchronikDie Unwägbarkeiten des Lebens lenkten heute meine kreativen Energien von den Proberäumen des Theater Oberhausens direkt nach Aventurien. So konnte ich heute mein Alveraniars-Szenario Purpurklaue (auf dem RatCon 2009 zum Besten gegeben) finalisieren. Die Texte sind nun für Satz und Layout an Ulisses gegangen.

Das Orkengold wird ausgeschüttet

Orkengold CoverHeute hat Ulisses offiziell das Cover zum Kampagnenband Orkengold ins Netz gestellt. Und ich muss sagen, es ist echt schmuck geworden, was John Hodgson uns dort gezaubert hat. Ich kenne einen frühen Entwurf, aber reingezeichnet und coloriert macht es natürlich mehr her.

Und: Es gibt mit dem 18. März 2010 auch ein angestrebtes Veröffentlichungsdatum. Statt der üblichen 20,– € wird Orkengold jedoch 25,– € kosten. Das ist weder Willkür noch Ausbeutung: In diesem Kampagnenband ist schlichtweg mehr drin als im üblichen Hardcover: Eine ausführliche Einleitung, ein kurzes Präludium, fünf Abenteuer und umfassende Anhänge laden zum Abenteuer im Svellttal und Orkland ein.

Hier die harten Fakten:

  • Redaktion: Michael Masberg, Daniel Simon Richter
  • Autoren: Muna Bering, Fabian Flüss, Daniel Heßler, Uli Lindner, Michael Masberg, Elias Moussa, Daniel Simon Richter, Sebastian Thurau und Stefan Unteregger
  • Komplexität (Meister / Spieler): hoch / mittel
  • Erfahrung (Helden): erfahren
  • Anforderungen (Helden): Interaktion, Talenteinsatz, Kampf, Zauberei, Hintergrundwissen
  • Ort und Zeit: Svellttal und Orkland, Peraine bis Rahja 1032 BF

Heute: Den Bau proben

In einer Woche ist Probenbeginn zu »Sauerstoff«. Ich könnte ja schon morgen anfangen, übe mich aber in Geduld und akzeptiere, dass zwei meiner Schauspieler sich noch in Endproben zu »Romeo & Julia« befinden (Premiere am Freitag).

Heute – knapper vor Probenbeginn als üblich, aber die Produktion an sich ist letztlich nicht üblich – steht die Bauprobe an. Da ich immer wieder feststelle, dass Menschen außerhalb des Mikrokosmos Theater nicht wissen, was das alles für putzige Begriffe sind, mit denen wir wie selbstverständlich um uns schmeißen, eine kleine Erklärung dazu:

Eine Bauprobe ist gewissermaßen eine Probe für das Bühnenbild. Regisseur und Bühnenbildnerin haben mitunter in ihren kleinen Kämmerchen wie waghalsigsten Ideen und es schadet da nicht, wenn man einmal mit kundigem Fachpersonal darüber spricht. Dafür findet sich das künstlerische Team mit den technischen Abteilungen (Bühne, Ton, Licht, Werkstätten, Requisite, etc.) am späteren Tatort des Geschehens zusammen und berät über die mögliche Umsetzung der wirren Phantasien. Was will man? Macht es Sinn, wenn man es im tatsächlichen Raum stehen sieht? Was ist möglich? Was nicht? Und wie lässt es sich möglich machen?

Dem allen stellen wir uns heute. Nun haben wir den Vorteil, die Räumlichkeiten gut zu kennen. Ich bin dennoch sehr gespannt, wie das, was wir an die Innenwände unserer Köpfe malten, aussieht, wenn es sich schließlich auch unseren eigentlichen Augen zeigt.

Kultur ist nicht für alle da

—»Das sieht hier aber mal charmant aus. Besser als bei dir Zuhause.«
—»Das ist Kultur.«
—»Leckofanni. Hat ja auch Geld gekostet.«

Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob dieser kurze Dialog am Pissoir neben mir sich auf die Kulisse von Zollverein oder den schmucken Klocontainer bezog. Was aber auch immer das “Volksfest auf Zollverein” zur Eröffnung der Kulturhauptstadt 2010 vermitteln wollte, eine Botschaft ist ganz eindeutig: Kultur ist nicht für alle da.

Freie Kulturschaffende im Ruhrgebiet wissen es schon lange. Für sie ist kein Platz im großen Ruhrmarketing. Kein Geld, keine Unterstützung, das alles braucht man schließlich für die Leute, die man ins Ruhrgebiet holen will. Nicht sich als kultureller Poot präsentieren, sondern den Leuten etwas präsentieren, scheint das Motto der Kulturhauptstadt zu sein. Doch es bleibt die Frage, wem man eigentlich etwas präsentieren möchte.

Es war mir gegönnt, am Freitag (als es bedeutend bitter kälter war als an dem mit Schreckensszenarien versehenen Samstag) der Generalprobe zu der am Samstag live ins ZDF übertragenen Eröffnungsrevue beizuwohnen. Hier durfte sich die Folkwangschule in vielen ihrer Facetten präsentieren und dies gelang ihr mit eindrucksvollen Bildern und charmanten wie nostalgischen Bezügen zur Region. Da bleibt der Grönemeyer-Song vollkommen unerheblich. (Ohnehin, wer braucht diese Hymne eigentlich?)

Am Samstag machten wir uns nach einigem Zögern am Abend schließlich noch auf den Weg zu Zollverein. Der Schnee verzauberte die eindrucksvolle Kulisse, den Verantwortlichen war es gelungen, mit Feuerzauber und Lichtwerk das Publikum ins Staunen zu versetzen. Und die Tausende von Besuchern taten ihr Übriges als Beiwerk. Denn das waren sie vorwiegend: schmuckes Beiwerk.

Zollverein gab sich eher wie der Weihnachtsmarkt im Centro, allerdings ohne Kitsch- und Ramschbuden. Die kulturellen Veranstaltungen waren entweder fragwürdig, in viel zu kleinen Hallen untergebracht – oder nicht zugänglich. Vor jedem zweiten Eingang standen breitschultrige Sicherheitsleute und wiesen den kulturell interessierten Besucher ab. Kein Presseausweis, keine Einladung – kein Zutritt. Den durchtrainierten Wegsperren nehme ich dies nicht einmal übel, wohl aber den planenden(?) Verantwortlichen. “Kommen Sie morgen wieder” ist nicht unbedingt die Weisung, die ich hören möchte, wenn ich mich Schnee und Kälte aussetze, um mich als Teil der Kulturhauptstadt identifizieren zu wollen.

Alles, was interessant aussah, war den Privilegierten vorbehalten, die sich sicherlich gefreut haben, diesem bedeutenden Ereignis beizuwohnen (vielleicht war auch das Präsentierte äußerst gelungen, man mag mir davon berichten) und sich über den regen Zuspruch der Massen freuten, die draußen schneestapfend die schiebende Kulisse bildeten.

Wirklich leid taten mir die unzähligen Künstler und Schauspieler, die draußen im Schnee auf den unzähligen kleinen Bühnen performten, während in den Hallen drinnen Bauzäune mit Plakaten voller Selbstlob der Verantwortlichen standen. Hätten informative Bauzäune draußen nicht weniger gefroren? Hätte man Drinnen nicht einen Kleinkunstlustgarten schaffen können? Einerlei: Die frierenden Künstler erinnerten an das Fahrende Volk, das sich auf dem Jahrmarkt um Vasallen und Pöbel bemüht, während sich im Inneren der Burg der Adel am privilegierten Spiel ergötzt.

Absperrung und Abweisung – ich weiß nicht, ob das jene Botschaft ist, mit der sich Ruhr.2010 schmücken sollte. Überrascht bin ich indes überhaupt nicht, vielmehr vollzieht sich, was sich im Vorfeld abzeichnete.

Am Ende mehrerer Stunden auf den Zollvereingelände setzte sich ein Unmut in uns fest, einfach gehen zu wollen. Da muss es doch noch etwas geben! Das kann nicht alles gewesen sein! Was haben wir übersehen? Nicht zu übersehen war am Ende das fast halbstündige Feuerwerk. Das war wirklich schön und beeindruckend, mit überraschenden Feuerwerkskörpern, die ich so noch nicht gesehen hatte. Da wurde sicherlich ganz schön viel Geld investiert und in den Nachthimmel geschossen.

Mit diesem Geld, scherzten wir, hätte man auch das Wuppertaler Schauspiel retten können.

Punkt 2010

So vieles ändert sich ja eigentlich nicht, nur weil man an einem Tag wie diesen nicht das Kalendarblatt abreißt, sondern gleich den gesamten Kalendar auswechselt. Dennoch gibt es mir ein gutes Gefühl, zu wissen, dass 2009, dieses Jahr mannigfaltiger Unerfreulichkeiten, endlich sein Ende gefunden. Und dann scheint es auch noch – dadurch alleine werde ich Winderkind schon glücklich.

So möchte ich mir einen Rückblick auf das verendete Jahr ersparen und blicke nach vorne. Das Kulturhauptstadtjahr bringt mich gleich umgehend zurück auf die Bühne. (Wobei ich mich schon frage, ob ich als Ruhri nun jedesmal vor die Jahreszahl einen Punkt setzen muss. Wir haben also das Jahr.2010.) Der sechste Februar.2010 ist zum Abend des freien Atems erklärt worden: Mit Iwan Wyrypajews Kultstück Sauerstoff überlasse ich das Schreiben für ein paar Wochen anderen und widme mich wieder dem Regiehandwerk.

Vor ein paar Jahren, als die b.a.r des Theater Oberhausens noch Rauchbar hieß und dem Rauchen in öffentlichen Räumen noch ganz andere Möglichkeiten gesetzt waren, verantworteteich eine szenische Lesung des Stück. Jetzt ist es an der Zeit, die alten Fragen neu zu stellen: Wie lebt unsere globalisierte Generation? Was treibt uns an, wo wir nun scheinbar alle Möglichkeiten haben? Sind die alten Werte noch gültig – und wenn nicht, was tritt an ihre Stelle? Und überhaupt: Was ist für dich Sauerstoff?

Die Sauerstoffzelte werden .2010 im Malersaal des Theater Oberhausens aufgebaut. Zu sehen sind Angela Falkenhan (Theaterpreisträgerin) und Caspar Kaeser (Theaterpreisträger und Wiederholungstäter in der masberg`schen Kooperation) sowie als Gast (”introducing and proudly presented”) Gabriela Ryffel, die ich bei meinem kurzen Ausflug in die Welt des Musiktheaters kennenlernen durfte und für dieses Projekt gewinnen konnte. Obwohl es als quasi natürliche Gegebenheit anzunehmen ist: Die Bühne gestaltet meine liebe Mitverschwörerin Stefanie Dellmann.

Auf die Ohren und in die Lungen gibt es den Soundtrack für freies Atmen, unter anderen die Musik von Muse, Brand New, Portishead, Massive Attack und Radiohead.

Genug an dieser Stelle, mehr mit Sicherheit später. Schließlich haben das Jahr, der Monat und für mich auch der Tag gerade erst begonnen.

Ich wünsche allen lieben Menschen dort draußen ein tolles Jahr.2010!

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