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Archiv der Kategorie Lesestoff

Zwei Tage Spielemesse: Ärmer, aber dennoch reicher

Nach zwei Tagen der Reizüberflutung auf der Spielemesse (und Comic Action; ich bin ja Teil mehrerer Zielgruppen) in Essen gönne ich mir heute nun einen entspannten Sonntag.

Und ich bin mit großer Beute zurückgekehrt. So habe ich mir nicht nur endlich Opus Anima geholt, ein Rollenspiel des grotesken Horrors, das ebenso Motive von Burton wie Lovecraft in sich vereint und vor allem durch eine rundum gelungene Aufmachung glänzt, sondern auch den zweibändigen Comic Juan Solo, der mir durch Zufall vor über einem halben Jahr in einem kleinen, aber feinen Comicshop in Luzern auffiel: Darin geht es um einen ziemlich harten Brocken, der mit einem Hundeschwanz geboren, auf einem Müllplatz ausgesetzt und von einem zwergwüchsigen Transvestiten großgezogen wurde.

Ebenfalls von meiner Liste der Dinge, die ich mir unbedingt noch holen muss, kann ich The day I swapped my father for two goldfish streichen, einem von Neil Gaiman geschriebenen und Dave McKean gezeichneten Kinderbuch – inklusive CD, auf der der Autor selbst sein Werk liest. Mehrmals sabberte ich dann noch auf die Exemplare von Ultimate Sandman, doch das Geld hatte ich bei allen Angeboten einfach nicht. Schön sind sie aber dennoch.

Als Fortsetzung zum letzten Jahr habe ich mir statt dessen das jüngst erschienene TPB Mouse Guard: Winter 1152 geholt, ebenso wunderschön gezeichnet wie der Vorgänger, dass einem sich gleich das Herz öffnet vor Glück. Hoffnungslos war allerdings meine Suche nach dem Mouse Guard RPG, das es tatsächlich an einem Stand geben sollte, der auch gesehen wurde, doch sich weder von mir noch den Zeugen (wieder)finden ließ. So muss ich mich noch etwas gedulden, geordert ist das Spiel allerdings.

Ganz große Freude bereitete mir der Kauf von Hollow Earth Expedition (kurz HEX), einem nun auf deutsch erschienenen Pulp-Rollenspiel, das Mitte der 30er Jahre angesiedelt ist. Mit seinen genretypischen Figuren dringt man in die Hohlwelt unter der Erde ein (ja, es gibt sie wirklich), um gegen Nazis, Dinosaurier und intelligente Riesenaffen zu streiten. Teilnehmer für unsere erste HEX-Runde haben wir schon, die ersten Ideen für Abenteuer in der Hohlwelt sind gleich beim Lesen in meinem Kopf entstanden. Sehr ansprechend ist auch das simple Spielsystem, das zudem das Ausspielen seines Charakters belohnt und dadurch Vorteile schafft. Zusammen mit der Optik kann ich nur sagen: Beide Daumen hoch!

Eine weitere Entdeckung, wenn auch nicht eine, in die ich umgehend Geld investiert habe, waren die Gesellschaftsspiele von LEGO. Ich sollte nie Kinder haben, ich würde immer mit ihrem LEGO spielen, das ist mir wieder deutlich vor Augen geführt worden. Vom kleinen Reisespiel bis zum großen Spaß für die bastelwütige Familie reicht die gesamte Palettte. Alle Spiele gefallen durch das liebevolle Design und die eingängigen Mechanismen – auch wenn man schon mal fast zwei Stunden an einem Spiel sitzen kann, wie wir Jungs bewiesen haben. Dafür gab es dann auch Kronen – meine für ungebührliches Verhalten.

Aber neben der Kaufwut hat mich vor allem eines glücklich gemacht: Die vielen bekannten Gesichter, die man nur zu wenigen Gelegenheiten im Jahr sieht.

Spider-Maus

Spider-Ham, die Abenteuer von Peter Porker, waren herrlich trashige Comics - und ja, ein die Wände hochlaufendes Schwein gab es schon vor dem Simpsons-Film. Nun rückt aber Spider-Mouse in greifbare Nähe, denn Disney hat Marvel aufgekauft. Damit will Disney sein Angebot erweitern, aber irgendwie will ich die beiden Konzerne nicht wirklich zusammenkriegen. Mal ehrlich: Mickey Mouse unter einem Dach mit dem Punisher? Und letztlich ist Disney nicht gerade dafür bekannt, sich aus laufenden Angelegenheiten rauszuhalten und die kreativen Köpfe mal machen zu lassen. Zwar hat Disney in den letzten Jahren auch Filme für Erwachsene produziert, aber ich komme nicht darum, singende Prinzessinnen, singende Meerjungfrauen und singende Kerzenständer mit dem Mäuse-Imperium zu assoziieren.Andererseits eröffnet das ganz neue Crossover: Namor vs. Arielle! Wolverine vs. Donald Duck: Ultimate Bare-Knuckle! Und: Hulk smash Mickey Mouse!

Heim. Jetzt. Essen.

Eine Fabel ist, so erinnern wir uns, eine belehrende Geschichte, vorrangig mit Tieren. So etwas Ähnliches wie eine moderne Fabel ist letzte Woche erschienen und lag gestern vor meiner Haustür, als ich heimkam. Geschrieben hat sie einer meiner Lieblingsautoren aus dem Sektor der bunten Bildchen, der schottische Comic-Autor Grant Morrison.

WE3WE3 ist die Geschichte von drei vermissten Haustieren - einem Labrador, einer Katze und einem Hasen -, die von Wissenschaftlern in tödliche Cyborgs umgewandelt wurden, die die Kriege von Morgen entscheiden sollen. Mit verbesserten Nervensystemen und militärischer Hardware stellen die drei die ultimative intelligente Waffe dar. Doch als die Testphase vorüber ist, sollen die drei Prototypen demobilisiert werden. Den dreien gelingt die Flucht, doch fortan werden sie unbarmherzig von ihren Erschaffern gejagt, während sie selbst der schwachen Erinnerung an einen Ort namens “Heim” folgen.

Der Plot klingt zuerst sicher sehr wirr. Grant Morrison ist für seine skurrilen Einfälle bekannt, besser gesagt: berüchtigt. Tatsächlich verbirgt sich hinter der simplen Idee eine erschreckende Tiefe, die die Erzählung beunruhigend realitätsnah macht.

Der Dreiteiler, der hierzulande bein Panini Comics in einem Sammelband erschienen ist, wurde von Frank Quitely gezeichnet, den man oft an der Seite von Morrison sieht und der ebenfalls zu einem meiner Lieblinge zählt. Zusammen mit den genialen Zeichnungen von Quitely liegt hier ein Blockbuster in Comicform vor, der unterhäl, provoziert, berührt und nachdenklich macht.

Trash, aber großartig

Ash vs. SpideyWenn man wirklich viel um die Ohren hat und im Kopf ein Gedankensturm tobt, der es unmöglich macht, sich auf eine der vielen anstehenden Sachen zu konzentrieren, muss man zwischendurch einfach mal abschalten - eine alte Weisheit, die ich gestern in die Tat umgesetzt habe. Ein bisschen plauschen mit netten Menschen, ein kleiner Spaziergang durch den Kaisergarten und den Abend mit garantiert nicht anspruchsvoller Lektüre ausklingen lassen. Und womit kann man besser die Gedanken abschalten, als mit Geschichten über hirnfressende Zombies?

Wie alle wissen, die mich näher kennen, bin ich ein großer Freund der bunten Bildchen. Comics sammle ich, seitdem ich lesen kann - und wo Frauen Schuhe kaufen, gebe ich ohne schlechtes Gewissen Unmengen Geld für Comics aus und fühle mich danach besser. Gestern habe ich ein besonderes Schmuckstück erworben: Marvel Zombies vs. The Army of Darkness (wie ich erwähnte: garantiert nicht anspruchsvoll …). Ein großartiges Comicbuch, über das ich jetzt ein paar Worte verlieren will.

Die Marvel Zombies sind eine Erfindung des Autors Mark Millar für seine Serie Ultimate Fantastic Four. Für drei Ausgaben landen die Serienhelden in einer Parallelwelt, in der alle bekannten Marvel-Helden zu Zombies mutiert sind. Robert Kirkman, der sich schon einen Namen mit einer anderen modernden Serie machte, nahm die Idee auf und schrieb mit überraschendem Erfolg die makabre Mini-Serie Marvel Zombies, in der die faulenden Helden im Mittelpunkt stehen. Die Hintergrundidee ist, dass ein außerirdischer Virus Superhelden wie -schurken in menschenfressende Bestien verwandelt hat, die Dank ihrer Superkräfte bald die Welt dominieren. Wir treffen einen Spider-Man mit Gewissensbissen, weil er seine Tante gegessen hat, einen Hulk, der Probleme bekommt, wenn er sich zurückverwandelt, weil als Mensch sein Magen viel kleiner ist und dergleichen mehr. Die Serie wimmelt von kranken Ideen, ist dabei aber höchst unterhaltsam.Wolverine

Ein besonderer Leckerbissen (im wahrsten Sinne des Wortes) sind die Cover der Serie. Coverkünstler Arthur Suydam nimmt klassische Cover wichtiger, man möchte sagen: historischer Comichefte und gestaltet sie in eine faulende Neuinterpretation um. (In die Cover des Crossovers mit Army of Darkness hat sich zudem in jedes Titelbild auch der Kettensägen schwingende Ash eingeschlichen.)

Wie immer, wenn sich etwas gut verkauft, wird es ausgeschlachtet. Es folgten weitere Auftritte der Marvel Zombies sowie der One Shot Marvel Zombies: Massacre, der erzählt, wie aus den bekannten Marvel-Helden untote Bestien werden.

Und nun Marvel Zombies vs. The Army of Darkness, das diese Woche auf deutsch im Sammelband erschienen ist. Das klingt nicht nur wie ein Film aus der Spätvorstellung, sondern ist ebenso unterhaltsam. In dem Crossover betritt nämlich eine Kultfigur des B-Movies die mit angenagten Leichen überhäufte Bühne: Ash, die coolste Ladenhilfe aller Zeiten. Ash ist die Hauptfigur aus Sam Raimis Kultfilmen Tanz der Teufel (Evil Dead) und Armee der Finsternis (Army of Darkness), der mit Kettensäge und doppelläufiger Schrotflinte gegen die Untoten des Necronomicons kämpft.

Nun landet er - durch Raum und Zeit reisend - in der Welt der Marvel-Zombies, gerade in dem Moment, als die schreckliche Seuche ausbricht. Mit skurrilem Witz und makabren Humor feiert Autor John Layman einen Leichenschmaus, der nach einer rasanten Verfilmung geradezu schreit. Und wie es sich gehört, wenn Ash dabei ist, nimmt der Comic sich selbst nicht so ernst - spätestens wenn neben den Zombieversionen von Spider-Man, Hulk und Wolverine ein untoter Howard the Duck auftaucht, weiß man, womit man es zu tun hat.

So viel also zu dem Thema “seichte Unterhaltung”. Wer ein Herz für Monster aus der Spätvorstellung hat und sich für gute schlechte Filme erwärmen kann, der findet mit diesem Comicbuch eine grandiose Umsetzung der geliebten Themen. Alle anderen dürfen hoffen, dass ich bald auch wieder Gehaltvolleres in meinen Blog schreibe.

Schneeweiße Nächte

Spätestens seit Neil Gaimans außergewöhnlicher Sandman-Reihe weiß man, dass Comics mehr als bunte Bildchen für Heranwachsende oder Kind Gebliebene sind, sondern den Vergleich mit ‘echter’ Literatur nicht scheuen müssen. Auch die vielen Comicverfilmungen der letzten Jahre, die auf den ersten Blick keine zu sein scheinen - etwa From Hell, A History of Violence oder Road to Perdition, um mal ein paar prominente Beispiele zu nennen - geben uns einen weiteren Hinweis darauf.

Schneeweiße NächteEines der besten Werke der letzten Jahre, das auch keinen Vergleich mit Sandman scheuen muss, ist die von Bill Willingham erfundene und geschriebene Reihe Fables. Wie bei vielen großen Erzählungen ist die Grundidee recht simpel: Vor Jahrhunderten mussten die Märchengestalten aus ihrer Welt fliehen, die von einem bösen Feind mit Krieg überzogen wurde. Sie flohen in unsere Welt und gründeten Fabletown, das heute mitten in New York liegt, wo die Märchengestalten unter den Menschen leben. Hier treffen wir Snow White, Prinz Charming, Rose Red und Bigby Wolf (von Big Bad Wolf) wieder. Die nichtmenschlichen Fables wie die drei Schweine leben verborgen auf der Farm der Tiere weit außerhalb der Stadt.

In Deutschland erscheint die Serie bei Panini in Form von Sammelbänden. Bisher sind 5 Bände der fortlaufenden Reihe erschienen, jüngst erschien auch der Sonderband 1001 schneeweiße Nächte, mit dem ich es mir gestern Abend auf der Couch gemütlich gemacht habe. Dieser Sonderband ist gleichzeitig ein guter Einstieg für neue Leser, für andere vertieft er die Welt der Fables.

Lange vor den Ereignissen der regulären Serie reist Snow White als Gesandte von Fabletown nach Arabien, wird dort aber von dem Sultan gefangen gehalten, der sie am nächsten Tag - wie alle seine Frauen - enthaupten lassen will. Um ihren Kopf zu retten, erzählt Snow White ihm jede Nacht eine andere Geschichte aus der Welt der Fables. Wir erfahren, was aus den sieben Zwergen geworden ist, das traurige Schicksal des Froschkönigs und wie aus dem schwächsten Welpen eines Wurfes der große böse Wolf wird. Wie bei Fables üblich, greift Willingham viele bekannte Motive aus den Märchen auf, führt sie in seiner Welt weiter oder erklärt uns den ‘Kern’ der Geschichte.

Neben der Rahmenhandlung um Snow White und den Sultan erzählt uns Willingam in dem Band neun Märchen aus der Welt der Fables, jedes von einem anderen Künstler gestaltet. Die Stile der Zeichner sind sehr unterschiedlich, passen aber gut zu der jeweils erzählten Geschichte.

Wer sich wie der Sultan für ein paar Stunden von den gewitzten, lustigen, aber auch bitteren und blutigen Geschichten verzaubern lassen möchte, ist mit 1001 schneeweiße Nächte sehr gut beraten - zumal der Band ein wenig die Zeit überbrückt, bis im Juni Band 6 der regulären Reihe erscheint.

Impressionen der Apokalypse

Ja, eigentlich sollte ich, wenn ich nicht Proben betreue oder mich auf Messer in Hennen vorbereite, fleißig in die Tasten hauen, denn es gibt da den einen oder anderen Abgabetermin für Das Schwarze Auge, der unerbittlich, wenn auch noch nicht bedrohlich näherrückt.

Doch dann fällt einem ein besonderes Buch in die Hand und alles andere ist vergessen, vor allem, wenn man wie ich kein ablenkendes Fernsehprogramm empfängt. Dieses besondere Buch ist in diesem Fall Denis Johnsons Reportagensammlung In der Hölle - Blicke in den Abgrund der Welt, ein Premierengeschenk von Stefan Maurer, dem Regisseur vom jüngst in Oberhausen premierten Einer flog über das Kuckucksnest.

Darin versammelt sind drei Reportagen aus den frühen Neunzigern, die der Autor für den New Yorker über afrikanische Kriegsschauplätze verfasst hat. Nüchterne Berichte können dies nicht sein, doch das Buch ist mehr als eine Momentaufnahme, es ist ein modernes Im Herz der Finsternis, ein verstörender Blick auf das Scheitern der Menschlichkeit.

Ein Gefühl wehte durch die Stadt wie ein messbarer Wind, ein giftiges Gefühl der Angst, ich spürte, wie es sich ausbreitete, erst hier war, dann dort, immer näher kam und schließlich alles erfasste. Die Menschen drängten sich jetzt in Panik auf der Straße zusammen, halb nackte Menschen aus dem Busch, die nichts weiter bei sich hatten, erschöpft, erledigt, aber immer noch da, getrieben von diesem Etwas, das von ihnen Besitz ergriffen hatte.

Es wird deutlich, dass der ehemalige Junkie Johnson für diese Reisen nicht gefestigt gewesen ist - wie er auch selbst bemerkt. Doch angesichts dessen, was er von seinen Erlebnissen schildert - die entfesselte Grausamkeit, die absurden Reste fremder Zivilisationsvorstellungen, die eigene Zeit des vergessenen Kontinents -, bin ich mir sicher, dass ich selbst nicht die nötige seelische Festigkeit für mich in Anspruch nehmen möchte.

Als eine letzte Gefälligkeit hatten sie ihn mit ihren Verhören ganz und gar durchlässig gemacht, so dass das Leiden nur so aus ihm herausströmte und uns insbesondere aus seinen Augen entgegenquoll.

Das Buch hat eine unglaubliche Sogwirkung, es ist literarisch und unliterarisch zugleich, ein unaffektiertes Werk, das einen über das Schließen des Buchdeckels hinaus nicht loslässt. Es zeigt uns, wie wenig wir heute noch - über anderthalb Jahrzehnte nach dem Verfassen der Berichte - über den Kontinent Afrika wissen, wie hilflos wir sein müssen mit unseren Vorstellungen und wie zerbrechlich das Gut ist, das wir als Zivilisation bezeichnen.

Ich werde das Erlebnis dieses Buches jetzt sacken lassen, empfehle es jedoch uneingeschränkt weiter.

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